Verbale Angriffe unter Freunden
- Romaine Zenklusen
- 2. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Neulich erzählt mir meine Freundin von folgender Situation.
Sie sitzt mit einer langjährigen Freundin am Küchentisch. Zwei Tassen Tee, ein ruhiger Abend, alles wie immer. Bis plötzlich ein Satz fällt, der nicht wie Information klingt, sondern eher wie eine Anschuldigung:
„Du meldest dich ja gar nie.“
Bevor sie reagieren kann, folgt der nächste:
„Du bist in letzter Zeit total seltsam.“
„Und was ist mir dir? Du meldest dich ja auch nie! Und ausserdem habe ich einfach extrem viel los“, reagiert meine Freundin schnippisch auf den Angriff.
Sie spürt, wie ihr Körper enger wird und wie der alte Reflex anspringt: erklären, beschwichtigen, sich rechtfertigen. Ein Reflex, der sie seit Jahren begleitet und jedes Mal dasselbe Ergebnis bringt: Ärger, Leere, Machtlosigkeit und später der Gedanke: „Warum habe ich das gesagt, und nicht das?“
Später fragt sie mich: „Was hätte ich sagen können? Ohne Gegenangriff, aber auch ohne mich klein zu machen?“
Ich schlage ihr etwas vor, das ruhig klingt, aber Mut braucht (Danke für diese geniale Frage K. Kuschik):
„Bin gerade unsicher. War das jetzt ein Feedback oder ein Vorwurf? Eine Frage oder eine Beleidigung?“
So ein Satz macht zwei Dinge gleichzeitig: Einerseits zeigt er zeigt Grösse und eröffnet einen Weg zurück in die Sachlichkeit und anderseits bietet er dem Angreifer eine elegante Einladung zurückzurudern, ohne das er/sie sein Gesicht verliert.
Die Frage sagt: Ich habe den Ton bemerkt, ich nehme ihn ernst und ich gebe dir jetzt die Möglichkeit, noch einmal neu anzusetzen.
Denn wer verletzt ist, wird schnell unfair. Enttäuschte Gefühle ziehen Ungerechtigkeit so richtig magisch an. Aber wir müssen diese Dynamik nicht bedienen.
Eine klärende Frage wirkt wie ein tiefer Atemzug mitten im Sturm, denn sie stoppt das alte Muster, bevor es startet. Sie zeigt Haltung statt Verteidigung und sie zwingt die andere Person zu einer Entscheidung: Will ich wirklich angreifen oder war das gerade ein Ausrutscher?
Und falls jemand doch tatsächlich eskalieren will, ist das auch in Ordnung, denn beides bringt Klarheit und Frieden.
Grösse zeigen heisst nicht schweigen (dem Frieden zu liebe). Es heisst, stehen zu bleiben, während der Sturm (die andere Person) wütet, ohne selbst loszustürmen.
Beim nächsten verbalen Angriff einfach mal eine Frage stellen und schauen was passiert.
Manchmal ist das der Moment, in dem das Gespräch zum ersten Mal ehrlich wird.




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